Immer wieder werden mir ähnliche Fragen gestellt. Deshalb möchte ich dieses Thema einmal etwas ausführlicher aufgreifen.
Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie belastend ein „Zuviel“ an Gewicht sein kann — besonders dann, wenn man früher eher zu den schlanken Frauen gehörte. Belastend ist hier tatsächlich wörtlich gemeint. Gewicht kann körperlich, emotional und auch mental schwer werden.
Trotzdem möchte ich ganz klar sagen: Mein Ziel ist es nicht, Gewicht durch Hormone zu reduzieren.
Es gibt nicht die eine Hormontherapie
In meiner Praxis gibt es nicht „die eine Therapie“ und auch nicht „die eine Hormontherapie“, die für alle passt.
Ich arbeite ganzheitlich und nach dem Prinzip, eine menschgerechte Lebensweise wiederherzustellen. Das bedeutet: Der Organismus wird funktionsmedizinisch auf den Ebenen unterstützt, auf denen er Unterstützung braucht, um wieder in Balance zu kommen.
Dabei geht es um den Körper, die Psyche, das Hormonsystem und vor allem auch um das Nervensystem. Diese Systeme arbeiten nicht getrennt voneinander. Sie beeinflussen sich ständig gegenseitig.
Deshalb kann man den Körper auch nicht an einer einzelnen Stelle „reparieren“. Alles greift ineinander.
Erst Ordnung, dann Veränderung
Eine gesunde und nachhaltige Gewichtsreduktion ist meiner Erfahrung nach erst dann möglich, wenn der Körper wieder besser regulieren kann.
Denn am Gewicht hängt oft viel mehr, als man auf den ersten Blick sieht. Kaum jemand isst nur, weil er Hunger hat. Wir essen häufig auch emotional. Essen beruhigt, tröstet, belohnt, lenkt ab oder erzeugt für einen kurzen Moment ein Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden.
Wenn wir also ausschließlich am Gewicht arbeiten, übersehen wir oft die eigentlichen Themen im Hintergrund.
Und genau deshalb greife ich nicht einfach in das Hormonsystem ein, nur damit sich eine Zahl auf der Waage verändert.
Hormone sind wichtig — aber nicht alles
Hormone beeinflussen, wie wir uns fühlen, wie wir denken, wie wir schlafen, wie viel Energie wir haben und wie wir auf die Welt reagieren. Sie sind also enorm wichtig.
Aber sie sind nicht isoliert zu betrachten.
Hormone stehen in enger Verbindung mit dem Nervensystem, dem Stoffwechsel, der Leber, dem Darm, dem Immunsystem und der Psyche. Wenn an einer Stelle etwas aus der Balance gerät, wirkt sich das häufig auf viele andere Bereiche aus.
Darum arbeite ich nicht „nur“ mit Hormonen. Ich schaue auf das große Ganze.
Der Körper hat eine innere Logik
Bevor wir etwas verändern, müssen wir zuerst verstehen, wie der Körper eigentlich gedacht ist.
Wie funktioniert ein gesunder Organismus?
Was braucht er, um stabil zu sein?
Welche Reihenfolge hält der Körper ein?
Und wo ist diese Ordnung vielleicht verloren gegangen?
Genau das bespreche ich mit meinen Patienten in Ruhe.
Meiner Erfahrung nach wissen die wenigsten Menschen wirklich, nach welchen Prinzipien ihr Körper funktioniert. Und wenn man nicht versteht, wie der Körper im gesunden Zustand arbeitet, ist es schwer, sinnvolle Veränderungen einzuleiten.
Deshalb erkläre ich viel. Nicht kompliziert biochemisch, auch wenn das unglaublich spannend wäre, sondern bildhaft, verständlich und alltagstauglich.
Vom Ist-Zustand in die Balance
Im nächsten Schritt schauen wir: Wo steht der Körper gerade? Wo gibt es Abweichungen? Wo fehlen Ressourcen? Wo läuft etwas dauerhaft auf Stress, Überforderung oder Kompensation?
Erst dann entsteht ein sinnvoller Plan.
Denn der Weg zurück in die Balance folgt bestimmten biologischen Prinzipien. Abkürzungen gibt es oft nicht. Der Körper hat Hierarchien. Er priorisiert. Er schützt. Er kompensiert. Und manchmal hält er an Symptomen fest, weil sie aus seiner Sicht eine Funktion erfüllen.
Das gilt auch für Gewicht.
Gewicht ist nicht immer nur ein Ernährungsproblem. Es kann Ausdruck von Stress, Schlafmangel, hormoneller Dysbalance, emotionaler Belastung, Entzündung, Erschöpfung oder, vielfach, einem dysregulierten Nervensystem sein.
Warum die Psyche immer mitgedacht werden muss
Besonders beim Thema Gewicht ist die Psyche fast nie außen vor.
Wenn Essen beruhigt, belohnt oder stabilisiert, dann erfüllt es eine Funktion. Diese Funktion einfach zu streichen, ohne zu verstehen, was dahinterliegt, funktioniert selten langfristig.
Deshalb geht es nicht darum, streng zu sein oder noch mehr Kontrolle auszuüben. Es geht darum, zu verstehen, was der Körper und das innere System eigentlich brauchen.
Erst wenn das verstanden wird, kann Veränderung entstehen, die nicht gegen den Körper arbeitet, sondern mit ihm.
Abschliessend noch ein Blick auf Schilddrüse & Gewicht
Bei Übergewicht liest man häufig, der Stoffwechsel sei schuld, „ganz kaputt“ oder die Schilddrüse sei zu schwach. Die Schilddrüse ist tatsächlich sehr wichtig für den gesamten Stoffwechsel. Aber deshalb einfach Schilddrüsenhormone einzunehmen, egal ob L-Thyroxin, T3 oder natürliche Schilddrüsenhormone, wäre fahrlässig und ist in vielen Fällen sogar kontraproduktiv.
Solange ein Organismus nicht menschgerecht lebt, sondern sich in einer falschen Ansteuerung befindet, wird er eher Gewicht aufbauen, anstatt es abzubauen. Manchmal geht das mit Schilddrüsenhormonen sogar schneller, als man denkt. Dann ist das Erstaunen oft groß.
Dass Stressachse und Schilddrüse eng miteinander verbunden sind und immer gemeinsam betrachtet werden müssen, scheint leider noch immer ein gut gehütetes Geheimnis zu sein.
An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich davon abraten, Schilddrüsenhormone, insbesondere T3 oder NDT, „einfach so“ einzunehmen. Risiken wie Knochenabbau, Fettleber, Insulinresistenz und Gewichtszunahme sind nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was dabei passieren kann.
Auch hier sollte man genau wissen, was Schilddrüsenhormone im Körper bewirken. Auf diesem Gebiet bringe ich inzwischen über 15 Jahre Spezialisierung mit, und ich erlaube mir zu sagen, dass es kaum noch etwas rund um Schilddrüsenhormone gibt, mit dem ich mich nicht intensiv beschäftigt habe.
Es ist und bleibt mein Herzensthema und seit geraumer Zeit auch Teil meiner wissenschaftlichen Arbeit. Umso wichtiger ist mir ein verantwortungsvoller und präziser Umgang damit..
Medizin muss Sinn ergeben
Mein Job ist es, meinen Patienten diese komplexen Zusammenhänge so zu erklären, dass sie sich selbst besser verstehen.
Oft entstehen dabei echte Aha-Momente. Plötzlich wird klar, warum bestimmte Beschwerden da sind. Warum der Körper so reagiert. Warum bisherige Versuche vielleicht nicht funktioniert haben. Und warum es sinnvoll ist, die Dinge in einer bestimmten Reihenfolge anzugehen.
Genau darum geht es mir.
Was wir tun, muss nachvollziehbar sein. Es muss Sinn ergeben. Es darf nicht nur ein Protokoll sein, das man abarbeitet, sondern sollte ein Verständnis dafür schaffen, wie der eigene Körper funktioniert.
Denn nur so entsteht echte Veränderung.
Und nur so funktioniert für mich Medizin.