Die Synthese der Schilddrüsenhormone: Ein ausführlicher Blick in die Biochemie
Immer wieder stelle ich fest, dass Patienten davon ausgehen, die Schilddrüse habe lediglich zwei Hormone: T3 und T4 – und alles hänge am TSH. Wenn das doch nur so einfach wäre. Heute möchte ich diesen Prozess der Schilddrüsenhormonproduktion einmal etwas detaillierter durchgehen, denn wer versteht, wie viele Schritte nötig sind, versteht auch besser, warum „der TSH-Wert ist normal“ nicht automatisch heißt, dass hormonell gesehen wirklich alles rundläuft in Sachen Schilddrüse.
Baustein Nummer eins: Jod und Thyreoglobulin
Alles beginnt mit Jod, das wir über die Nahrung aufnehmen und das über die Blutbahn zur Schilddrüse transportiert wird. Dort, in den kleinen Bläschen der Schilddrüse – den Follikeln –, produzieren spezialisierte Zellen, die Thyreozyten, ein großes Eiweißmolekül namens Thyreoglobulin. Dieses Protein ist mit vielen sogenannten Tyrosin-Bausteinen gespickt und bildet quasi das Gerüst, an dem die spätere Hormonproduktion stattfindet.
Die Jodination: Aus Tyrosin werden MIT und DIT
Im nächsten Schritt kommt ein Enzym ins Spiel, das man sich unbedingt merken sollte, wenn man sich näher mit der Schilddrüse beschäftigt: die Thyreoperoxidase, kurz TPO. Sie sorgt dafür, dass Jod-Atome an die Tyrosin-Bausteine des Thyreoglobulins angehängt werden. Je nachdem, ob ein oder zwei Jodatome angebaut werden, entstehen dabei zwei Zwischenprodukte: Monoiodtyrosin (MIT) und Diiodtyrosin (DIT).
Diese beiden Bausteine allein sind noch keine fertigen Hormone – sie sind eher die Rohstoffe, aus denen im nächsten Schritt die eigentlichen Hormone zusammengesetzt werden.
Die Kopplung: Hier entstehen T4 und T3
Jetzt kommt der entscheidende Moment: Die Thyreoperoxidase koppelt zwei dieser Bausteine miteinander. Werden zwei DIT-Moleküle verbunden, entsteht Thyroxin – T4, mit vier Jodatomen. Wird ein MIT mit einem DIT gekoppelt, entsteht Triiodthyronin – T3, mit drei Jodatomen.
Wichtig dabei: Die Schilddrüse selbst produziert weit überwiegend T4 und deutlich weniger T3. Das hat einen Grund, den viele nicht kennen – dazu gleich mehr.
Speicherung und Freisetzung
Die frisch gebildeten Hormone bleiben zunächst an das Thyreoglobulin gebunden und werden im Inneren der Follikel gespeichert – ein Vorrat, der für mehrere Wochen reicht. Erst wenn der Körper Bedarf anmeldet – gesteuert über TSH aus der Hypophyse –, wird dieser Speicher angezapft: Die Thyreozyten nehmen das gespeicherte Thyreoglobulin wieder auf, spalten mithilfe von Enzymen T4 und T3 ab und geben sie ins Blut ab.
Der eigentlich spannende Teil: Was nach der Ausschüttung passiert
Hier wird es für das Verständnis vieler Beschwerden richtig interessant. T4 ist zwar das Hormon, das die Schilddrüse am meisten produziert – aber es ist biologisch deutlich weniger aktiv als T3. Man kann es sich wie eine Vorstufe vorstellen, eine Transportform. Die deutlich aktivere Form, die in den Zellen wirkt und dort unter anderem Gene ansteuert, ist T3.
Und genau dieses aktive T3 entsteht größtenteils gar nicht in der Schilddrüse, sondern draußen, in den Geweben des Körpers – unter anderem in Leber, Niere, Muskulatur, Gehirn und vielen anderen Organen. Verantwortlich dafür sind weitere Enzyme, die sogenannten Dejodasen. Sie spalten ein Jodatom von T4 ab, und dadurch kann aktives T3 entstehen.
Es gibt aber noch einen zweiten möglichen Weg: Statt des aktiven T3 kann auf einem anderen Umbauweg auch reverses T3 (rT3) entstehen – eine weitgehend inaktive Form, die nicht wie T3 wirkt. Welcher dieser Wege stärker genutzt wird, hängt unter anderem von Stress, Entzündungen, Erkrankungen, Kalorienverfügbarkeit und der allgemeinen Stoffwechsellage ab.
Warum das genetisch nicht bei jedem gleich gut klappt
Man weiß heute, dass es Unterschiede im sogenannten DIO2-Gen gibt – jenem Gen, das den Bauplan für eines der wichtigen Dejodase-Enzyme liefert. Menschen mit bestimmten Varianten dieses Gens könnten T4 in einzelnen Geweben weniger effizient in T3 umwandeln. Das wird als möglicher Grund diskutiert, warum manche Patientinnen und Patienten trotz unauffälliger Standardwerte weiterhin Beschwerden haben.
Wichtig ist jedoch: Ob eine ergänzende T3-Gabe tatsächlich sinnvoll ist, muss immer individuell und sorgfältig ärztlich geprüft werden. Die Studienlage zeigt bisher keinen einheitlichen Vorteil einer Kombinationstherapie gegenüber L-Thyroxin allein, auch wenn einzelne Patientinnen und Patienten subjektiv davon profitieren können.
Was das für Sie als Patient bedeutet
Wenn Sie sich das Ganze noch einmal vor Augen führen, wird eines klar: Zwischen „Jod aufnehmen“ und „aktives Hormon kommt in der Zelle an“ liegen mehrere einzelne Schritte – Jodaufnahme, Jodination, Kopplung, Speicherung, Freisetzung, Umwandlung, Transport und Zellaufnahme. Ein Standard-TSH-Test zeigt vor allem, wie die Hypophyse auf die Schilddrüsenhormonlage reagiert. Er gibt jedoch nicht direkt Auskunft darüber, wie gut die Umwandlung in einzelnen Geweben funktioniert oder wie die Hormone dort tatsächlich wirken.
Genau das ist einer der Gründe, warum ich in meiner Praxis immer wieder erlebe, dass Menschen mit „normalen“ Werten trotzdem nicht beschwerdefrei sind. Es lohnt sich, diesen Prozess zu kennen – nicht, um sich selbst zu diagnostizieren, sondern um im Gespräch mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin gezielter nachfragen zu können.
Eine wirklich umfassende Betrachtung ist im normalen medizinischen Alltag nicht immer leicht umzusetzen. Daher ist es umso wichtiger, sich als Betroffener gut zu informieren, Fragen zu stellen und die eigenen Beschwerden ernst zu nehmen.
In diesen Punkten sind Sie bei mir genau richtig.
© Tanja Siebnich. Alle Rechte vorbehalten.