Ein Blick auf den Laborzettel, der T4-Wert (auch fT4-Wert genannt) liegt im Referenzbereich, ihr Arzt sagt Sie sind gut eingestellt mit L-Thyroxin und trotzdem fühlen Sie sich nicht gut. Müde, unkonzentriert, das Gewicht will nicht runter, die Stimmung ist im Keller. Viele Patientinnen und Patienten, die L-Thyroxin einnehmen stellen fest, dass Sie sich trotz L-Thyroxin-Einnahme weiterhin unter Beschwerden leiden. die Frage bleibt: Wenn der T4-Wert doch passt, warum geht es mir dann nicht besser?
Die Antwort hat mit einer Eigenschaft von T4 zu tun. T4 ist im Grunde gar nicht das Hormon, das in Ihren Zellen wirkt. Es ist nur die Vorstufe davon!
T4 ist ein Prohormon – eher passiv als aktiv
Die Schilddrüse gibt zwar überwiegend T4 (Thyroxin) ins Blut ab, doch T4 selbst entfaltet in den Körperzellen nur eine vergleichsweise schwache Wirkung. Damit es tatsächlich wirken kann, muss es erst in T3 (Triiodthyronin) umgewandelt werden – das biologisch deutlich aktivere Hormon. Diese Umwandlung findet vor allem im peripheren Gewebe statt.
Zuständig für die Umwandlung sind spezielle Enzyme, die sogenannten Dejodasen. Enzyme sind kleine Helfer im Stoffwechsel – spezielle Eiweißmoleküle, die im Körper als Biokatalysatoren wirken: Sie beschleunigen chemische Reaktionen, das heißt, sie machen eine bestimmte Umwandlung erst möglich. Ohne Enzyme wird aus dem passiven T4 kein aktives T3.
Wichtig zu wissen: Bei jeder natürlichen enzymatischen Umwandlung von T4 in T3 entsteht auch immer ein Teil reverse T3 (rT3) – ein biologisch praktisch unwirksames Abbauprodukt. Es ähnelt dem aktiven T3 (fT3) aber insofern, als es am selben Rezeptor andocken kann. Das wird insbesondere unter Stress relevant.
Ein normaler Blutwert sagt nichts über die Umwandlung vor Ort
Oft erlebe ich, dass Ärztinnen und Ärzte bei ihren Patientinnen und Patienten den T4-Wert überprüfen und, sofern er im Referenzbereich liegt, ihnen mitteilen, sie seien gut eingestellt. Der im Labor gemessene T4-Wert zeigt zwar, wie viel freies T4 im Blut zirkuliert – er sagt aber nichts darüber aus, wie gut dieses T4 in den einzelnen Geweben tatsächlich in das wirksame T3 umgewandelt wird. Zwei Menschen können denselben T4-Wert haben und trotzdem sehr unterschiedlich viel aktives T3 in ihren Zellen zur Verfügung haben, je nachdem, wie effizient ihre Dejodasen arbeiten.
Wichtiger in Sachen Laborwerte ist deshalb eher der aktive T3-Wert. Er kann deutlich mehr Hinweise auf die aktuelle Stoffwechsellage geben.
Warum die Umwandlung nicht bei allen gleich gut funktioniert
Wie effizient die Umwandlung von T4 zu T3 verläuft, hängt von mehreren Faktoren ab:
- Individuelle, genetisch bedingte Unterschiede in den Dejodase-Enzymen.
- Begleiterkrankungen und Entzündungsprozesse, etwa im Rahmen einer Hashimoto-Thyreoiditis, die die periphere Umwandlung beeinträchtigen können.
- Allgemeine Stressbelastung, Schlafmangel oder akute Erkrankungen, die den Hormonstoffwechsel zusätzlich beeinflussen können.
Das bedeutet in der Praxis: Ein „guter“ T4-Wert ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für Wohlbefinden. Er zeigt, dass ausreichend Ausgangsmaterial vorhanden ist – nicht, ob daraus am Ende auch genug aktives Hormon dort ankommt, wo es gebraucht wird.
Was das für die Diagnostik bedeutet
Genau deshalb lohnt sich bei anhaltenden Beschwerden ein Blick über den fT4-Wert hinaus. Sinnvoll ist es, immer auch fT3 mitzubestimmen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie viel des aktiven Hormons tatsächlich zirkuliert. Auch der TSH-Wert allein reicht nicht aus, da er – wie in einem früheren Artikel dieser Reihe beschrieben – ein Hormon der Hirnanhangsdrüse ist und nur indirekt Rückschlüsse auf die tatsächliche Hormonversorgung der Gewebe zulässt.
Wichtig ist dabei die richtige Einordnung: Ein auffälliges Verhältnis von fT4 zu fT3 oder anhaltende Beschwerden trotz normaler Werte sind kein Grund zur Beunruhigung, sondern ein Anlass für ein genaueres Hinschauen, denn nicht jeder Mensch mit „normalen“ Werten ist automatisch optimal eingestellt.
Um es bildhaft zu sagen
Wichtig sind also immer alle drei Werte gemeinsam: TSH, fT3 und fT4. Ich erkläre meinen Patientinnen und Patienten die Vorgänge im Körper oft sehr bildhaft, denn dann versteht es sich meist leichter:
Der T4-Wert im Blut ist vergleichbar mit einem Stapel Holz, der neben Ihrem Holzofen liegt. Das Holzscheit wird bei gefühlter Kälte – das entspricht der TSH-Aktivierung – angezündet – das entspricht der enzymatischen Umwandlung – und erst dann erhält man ein brennendes Stück Holz, das tatsächlich Wärme abstrahlt. Das entspricht dem fT3.
Der Holzstapel allein kann neben dem Ofen noch so hoch sein – warm wird es im Raum dadurch alleine noch lange nicht 🙂